Übersicht: EssenErstellt am: 08.04.2026

Zum vierten Mal haben das Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) Köln und das Westdeutsche Tumorzentrum (WTZ) Essen – gemeinsam mit dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft (MKW) des Landes Nordrhein-Westfalen – zum „Onko-Talk NRW“ eingeladen. Rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen am 24. März 2026 im Lehr- und Lernzentrum der Universitätsmedizin Essen zusammen, um über aktuelle Entwicklungen in der Lungenkrebsmedizin zu diskutieren.

Moderatorin Sarah Majorczyk, BILD-Autorin und Vorstand „Ein Herz für Kinder e.V.“ eröffnete den Abend mit einer zentralen Frage: Was bedeutet Forschung konkret für Patientinnen und Patienten? Die Antwort zog sich als roter Faden durch den gesamten Onko-Talk – und zeigte eindrucksvoll, wie sehr Innovationen aus Nordrhein-Westfalen die Krebsmedizin bereits heute verändern.

Forschung an der Grenze des Machbaren: Therapieresistenzen im Fokus

Den Auftakt machte Dr. Halime Kalkavan, Clinician Scientist und Oberärztin Innere Klinik (Tumorforschung) in der UME, mit einem Impulsvortrag zur Resistenz und Persistenz von Krebszellen. Trotz großer Fortschritte bleibe die Entwicklung von Therapieresistenzen eine der zentralen Herausforderungen.

„Wir sehen, dass viele Therapien zunächst wirken – aber langfristig profitieren nur wenige Patientinnen und Patienten dauerhaft. Die Frage ist: Wann und wie müssen wir behandeln, damit Resistenz gar nicht erst entsteht?“, so Kalkavan. Die Forschung bewege sich dabei in einem Spannungsfeld zwischen unmittelbarem Handlungsdruck und grundlegender Ursachenforschung: „Ich würde am liebsten sofort viele klinische Studien mit den Erkenntnissen, die wir bereits haben, starten. Gleichzeitig müssen wir aber Resistenzmechanismen in ihrer Komplexität besser verstehen, um erfolgsversprechende Kombinationstherapien für unsere Patientinnen und Patienten zu ermöglichen“, schließt die Forscherin.

Präzisionsmedizin verändert Prognosen grundlegend

Im ersten Podium diskutierten die nordrhein-westfälische Ministerin für Kultur und Wissenschaft, Ina Brandes MdL, Prof. Martin Schuler (stellv. Direktor WTZ Essen), Prof. Michael Hallek (Direktor CIO Köln) und Prof. Jürgen Wolf (CIO Köln, Sprecher nNGM) die Fortschritte der vergangenen Jahre – und machten deutlich, wie sehr sich die Perspektive für Patientinnen und Patienten verändert hat.

„Wir haben Zeit gewonnen – und diese Zeit ist heute deutlich lebenswerter“, betonte Prof. Schuler. „Patientinnen und Patienten können heute oft ein weitgehend normales Leben mit ihrer Erkrankung führen. Das ist für mich der größte Erfolg.“ Auch Prof. Hallek unterstrich die Bedeutung dieser Entwicklung: Durch moderne Therapien und molekulare Diagnostik liege das Mindestüberleben bei vielen Patientinnen und Patienten heute bei drei bis fünf Jahren – ein deutlicher Fortschritt gegenüber früherer Standardtherapien.

NRW als Vorreiter: Genomische Medizin und starke Netzwerke

Ein zentraler Baustein dieses Fortschritts ist das Nationale Netzwerk Genomische Medizin Lungenkrebs (nNGM), das maßgeblich aus Köln in Nordrhein-Westfalen heraus entwickelt wurde. Durch umfassende molekulare Diagnostik ermöglicht es individuelle Therapien für Lungenkrebspatientinnen und -patienten sowie eine schnelle Übertragung von Forschungsergebnissen in die Versorgung. „Unsere Idee vor wenigen Jahren war es, Spezialisten mit kommunalen Krankenhäusern und niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten zu vernetzen“, erklärte Prof. Wolf. „Heute erreichen wir mittlerweile bundesweit bereits zwei Drittel aller Lungenkrebspatientinnen und -patienten – und wollen künftig noch mehr erreichen.“

Das Netzwerk habe nationale und internationale Strahlkraft entwickelt. „Diese Strukturen sind weltweit einzigartig“, so Hallek. Mittlerweile stünden rund 95 Prozent der Krankenkassen hinter dem Ansatz, der vielen Patientinnen und Patienten erstmals eine individualisierte Lungenkrebstherapie ermögliche.

Patientinnenperspektive: „Es ist fast wie mein altes Leben“

Wie konkret sich diese Entwicklungen auswirken, zeigte das Beispiel von Patientin Elise Langer (Name geändert). Nach einer komplexen Diagnosephase führte erst eine molekulare Analyse am WTZ Essen zur richtigen Therapie. „Es war zunächst unklar, wo mein Tumor überhaupt sitzt. Erst durch die Sequenzierung kam die entscheidende Erkenntnis“, berichtete sie als Rednerin auf dem Onko-Talk NRW. Heute profitiert sie von einer zielgerichteten Therapie: „Die Tabletten haben mein Leben verändert. Es ist fast wieder wie vorher – und ich bin sehr dankbar für diese gewonnene Zeit.“

Im Gespräch mit Ministerin Brandes sprach sie auch die Frage der Finanzierbarkeit solch spezieller Therapien an. Die Wissenschaftsministerin sagte: „In Deutschland haben alle Patienten, egal ob Privat- oder Kassenpatient, den gleichen Zugang zu hochwertiger medizinischer Behandlung und zu zugelassenen Medikamenten auf dem aktuellen Stand der Forschung und Wissenschaft.“

Politischer Rückenwind: Investitionen in die Krebsmedizin

Die Bedeutung der Onkologie spiegelt sich auch in der politischen Förderung wider. Wissenschaftsministerin Brandes: „Wir werden mehrere hundert Millionen Euro aus dem NRW-Plan für gute Infrastruktur in die Krebsforschung in Nordrhein-Westfalen investieren. Wir haben in Nordrhein-Westfalen einen Punkt erreicht, an dem die neuen Forschungsergebnisse, die gerade in einem hohen Tempo erreicht werden, auch möglichst schnell dem Patienten zu Gute kommen lassen müssen. Deshalb ist es unsere Verantwortung, diese Forschungsleistung nach Kräften zu unterstützen und Nordrhein-Westfalen als führenden Standort der Krebsforschung weiter zu stärken.“

Zukunftsthemen: KI, CAR-T-Zellen und Früherkennung

Hightech-Chirurgie: Schnellere Erholung, bessere Ergebnisse

Im zweiten Teil des Abends standen chirurgische Innovationen im Mittelpunkt. Nach einem Video-Einspieler berichteten auf dem zweiten Podium Dr. Natalie Baldes (Thoraxchirurgin an der Universitätsmedizin Essen – Ruhrlandklinik) und Lungenkrebs-Patient Ralf-Bernd Weissfeld über moderne Operationsverfahren. Die Ärztin hatte ihn vor vier Wochen unterstützt durch einen Roboter gewebeschonend operiert. „Meine Diagnose hat mich erstmal komplett aus der Bahn geworfen“, so Weissfeld. „Aber heute geht es mir wieder gut – und ich bin schneller zurück im Alltag, als ich gedacht hätte. Sechs Tage nach meiner OP konnte ich schon nach Hause. Bereits nächste Woche geht es für mich in den Holland-Urlaub.“

Dr. Baldes erläuterte die Fortschritte: „Früher waren große, offene Eingriffe notwendig. Heute operieren wir rund 80 Prozent der Lungenkrebs-Patientinnen und -Patienten minimalinvasiv – unser klares Ziel sind 90 Prozent.“ Und aktuelle Studien zeigen: Minimal-invasive Eingriffe senken das Sterberisiko deutlich. Auch Prof. Servet Bölükbas (Direktor der Klinik für Thoraxchirurgie der Universitätsmedizin Essen – Ruhrlandklinik) betonte die Bedeutung dieser Entwicklung:
„NRW ist bei der robotischen Thoraxchirurgie klar Vorreiter. Entscheidend ist, dass wir technologische Innovation gezielt und verantwortungsvoll für unsere Patientinnen und Patienten einsetzen.“

Austausch auf Augenhöhe

In der abschließenden Fragerunde wurde u.a. deutlich, wie wichtig der direkte Dialog ist – etwa zur individuellen Therapieentscheidung oder zur Bedeutung einer Zweitmeinung. „Ein großer Vorteil ist die Behandlung in spezialisierten großen Zentren, in denen Forschung und Versorgung eng verzahnt sind und entsprechend hohe Fallzahlen vorliegen“, betonte Prof. Hallek.

Der Onko-Talk NRW zeigte einmal mehr, wie stark Nordrhein-Westfalen in der Krebsmedizin aufgestellt ist – und wie wichtig der Austausch zwischen allen Beteiligten bleibt. Prof. Schuler fasste zusammen: „Wir erleben gerade einen echten Wandel in der Krebsmedizin – und NRW ist ein zentraler Treiber dieser Entwicklung. Formate wie der Onko-Talk sind wichtig, um diesen Fortschritt sichtbar zu machen und gemeinsam weiter voranzubringen.“